Nur eine Maschine

29. November 1914 um 0:00

„Man ist nur eine Maschine, die sich auf Befehl des Vorgesetzten hinlegt, aufsteht, sich fortbewegt, auf Menschen lossticht und mordet. – Grässlich!“

 Brief von Emil Birkert, 19 Jahre

Die Kameraden sinken hinab

22. Oktober 1914 um 12:21

„Zu viert tragen wir in einer Zeltplane die toten Kameraden zum Grab, senken sie vorsichtig, als könnten wir die steife Last noch beschädigen, hinab.

Wieder und wieder holen wir und senken hinab. Der Letzte ist der Größte; ein junger, baumlanger Freiwilliger, mit zerrissenem Leib. Ein Knabengesicht mit langem Blondhaar.

Dann sollen wir die Erde draufwerfen. Wir können nicht. Es tut uns weh, die Erde auf die Körper zu werfen.“

aus dem Tagebuch eines 16-jährigen Soldaten

Krieg.

1. August 1914 um 17:00

„Ab heute befindet sich Deutschland im Krieg. Meine Mutter hat mir geraten, über den Krieg ein Tagebuch zu schreiben; sie meint, es würde mir im Alter interessant sein. Die Serben haben angefangen.“

Tagebuch von Elfriede Kuhr, 12 Jahre alt

Traurige Vision

18. Februar 1914 um 11:12

„Heute Nacht hatte ich eine Vision. Ich sah mich in einem französischen Dorfe auf einer Bahre liegend tot, im Kriege gefallen. Um meine bleichen Schläfen wandte sich ein Lorbeerkranz und um die Bahre herum standen viele Offiziere.“

aus dem Tagebuch von Albert Thomas, Gymnasiast, 16 Jahre alt, ein halbes Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Acht Monte später fiel er als Soldat in Flandern.

Selbstzweifel

18. Juni 1907 um 12:15

„Ich bin teils froh, teils traurig gestimmt. Auch bin ich in den letzten Tagen so schrecklich unzufrieden mit mir. Dann komme ich mir zu dick und ungelenkig vor. Plötzlich entdecke ich irgendeinen Fehler an meiner Kleidung, der mich dann direkt aufregt, manchmal fühle ich mich auch dumm, so, als wenn andere Menschen viel mehr wüssten als ich, und so könnte ich noch Verschiedenes aufzählen.“

Tagebuch von Gerda Sippel, 17 Jahre alt, Berlin-Friedenau

Das Privileg der grünen Natur

1. Februar 1906 um 14:50

„Unser Lohn war lächerlich gering. Wir verdienten wöchentlich 4,20 Mark. Für die Schlafstelle mussten 2 Mark bezahlt werden. Wir sahen nicht, wie die Bäume grünten und die Blumen blühten, wir sahen nicht die Schönheiten der Natur und der Landschaft, die andere, sozial besser gestellte Jugendliche im gleichen Alter in Liedern und Gedichten besangen.“

Willi Münzenberg aus Erfurt, damals 17 Jahre alt, Arbeiter in einer Schuhfabrik, später Verleger und Filmproduzent

Zu zweit in einem Bett

1. Januar 1906 um 12:23

„Die Regel war, dass zwei Personen in einem Bett schliefen. Man hatte bis zu fünf Schlafleute, um die teure Miete zu bestreiten. Die Folge war, dass in den Wohnungen niemals Ruhe herrschte.“

Bericht über die Wohnsituation der Arbeiterfamilien in Chemnitz

Verderb des Genies

23. April 1905 um 13:07

„Ein Bekannter meines Freundes Ernst Balcke, mir auch gut bekannt, beging Selbstmord. Er war einer der klügsten Menschen, die ich kenne. Er erfand in einsamen Nächten schon ganze mathematische Sätze. Dafür war er an der Schule durchaus ungenügend, trotzdem er seine Mitglieder an Schärfe des Verstandes weit überragte. Ich glaube, diese Schule ist der Verderb jeden Genies. Dieser Vogel starb. Er ging wunschlos aus dem Leben fort in das ‚graue Nichts‘ wie er sagte.“

Tagebuch Georg Heym, 17, Gymnasiast, später Dichter

Schlusskränzchen der Tanzstunde

24. Februar 1905 um 11:12

„Er bewunderte fortwährend mein Costüm, und erklärte mir beständig wie gut ihm dieses gefalle. Er frug mich, können Sie auch zaubern, ich verneinte es, und dann sagte er, gewiss, Sie können die Herzen bezaubern; ich sagte, das glaube ich nicht, dann sagte er, Sie tun es also unbewusst.“

aus dem Tagebuch von Ida E., Bonndorf

Riss in der grauen Decke

3. August 1903 um 9:02

„Grau und dumm stiert mich der Himmel an. Ich warte auf den Riss von oben in der grauen Decke, durch welchen ich hineinsehen kann in die Unendlichkeit.“

Tagebuch Max Beckmann aus Weimar, 19 Jahre alt, Student an der Kunstschule